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Naturgewalten - Kräfte der Natur

Dokumentation über die Entstehung des grössten malerischen Holzschnitts der Welt

Und nichts ist gewaltiger als die Natur

Joachim Feldmeier zeigt seinen monumentalen Holzschnitt erstmals im Allgäu

Über die Jahre hinweg hatte sich Joachim Feldmeiers Opus magnum fast zum Mythos entwickelt. Gesehen hatte keiner etwas, doch die Kunde ging, dass die ''Naturgewalten - Kräfte der Natur'', nach des Künstlers eigener Aussage größter Holzschnitt der Welt, von wahrhaft kolossaler Dimension sein sollten. Man hörte, hie und da und stets an fernen Orten, seien Teile des Werks gezeigt worden. Schließlich die Nachricht, der Zyklus werde in Szombathely komplett ausgestellt. Doch hier im Allgäu, in Feldmeiers Heimat, blieben die ''Naturgewalten - Kräfte der Natur'' ungesehen.

Das hat nun ein Ende. Die Firma Joas hat es auf sich genommen, Platz zu schaffen für die nicht weniger als 56 Einzeldrucke, die aneinander gefügt stattliche 31 Meter in der Länge und immerhin noch 2,80 Meter an Höhe beanspruchen. Daneben zeigt die Ausstellung eine Reihe weiterer Drucke aus Feldmeiers Werkstatt, überwiegend ebenfalls Serien.

Die Fähigkeit der Natur zu überwältigen, Sinn und Gemüt buchstäblich Gewalt anzutun, schlägt sich für Feldmeier nicht nur in Wasserfall- und Bergbombast nieder, sondern auch in einem schlichten Stück Wald. Nichts anderes ist das Motiv der ''Naturgewalten - Kräfte der Natur'': eine lange Stakete von Bäumen, umkleidet von Nadel- und Blätterwerk, Rinden und Geäst. Analog dazu liegt für den Künstler das Außergewöhnliche denn auch keineswegs bloß in der den Menschen weit überragenden Höhe der Bäume, sondern in den unendlichen Feinstrukturen, in der nicht zu erschöpfenden Formenvielfalt, mit der die Natur gerade dort aufwartet, wo der Blick für gewöhnlich über sie hinweg gleitet.

Der Aufwand, den Feldmeier für die Schaffung seiner ''Naturgewalten - Kräfte der Natur'' betrieben hat, ist enorm. Zu Hilfe kam ihm jenes Hilfsmittel, als dessen Erfinder er gelten darf: eine Holzfräse, die mittels eines selbst entworfenen Computerprogramms gesteuert wird und vor allem die Arbeit fürs Grobe übernimmt. Denn nach wie vor gestaltet Feldmeier mit Messer und Hohleisen, der klassischen Gerätschaft des Holzschnitzers. Auf jeder der 56 Druckstöcke wurde nach dem Prinzip der verlorenen Platte gearbeitet: Nach dem ersten Druck wird die Platte weiter bearbeitet, kommt erneut zum Druck, und so fort - ein Nachdruck wird damit unmöglich. Insgesamt liegen auf jeder der Leinwände bei den ''Naturgewalten - Kräfte der Natur'' acht Druckschichten übereinander. Das ergab jenen Effekt des malerischen Holzschnitts, als dessen Exponent Feldmeier gilt. Die Charakteristika, die für gewöhnlich mit dem Holzschnitt verbunden werden - klar die Zeichnung, scharf die Helldunkel-Kontraste -, ist hier passé. Im Schnitt wie auch im Einsatz der Farbe spürt der Künstler den Nuancen des Lichts, dem Tonwert der Farben nach. Und keine Frage, dass ein frühherbstlicher Wald mit seinem prachtvollen Color ein dankbares Motiv abgibt.

Jenseits schierer Größe fasziniert an Feldmeiers Holzschnitten aber noch ein anderes. Lässt sich beim Betrachten doch die Verfertigung eines Bildes nachvollziehen: Aus einem ersten, noch unzusammenhängenden Nebeneinander von Druckfarbe und Weißraum entsteht mit jedem Schritt, mit dem man in die Distanz tritt, aus der amorphen Mikro- eine gestalthafte Makrostruktur, letztlich eben ein Bild. Dass ein solches nicht an sich ist, dass es vom Betrachter dank der Leistung seines Auges und Gehirns gemacht ist, gehört zu den Erfahrungen, derer man sich in einem Zeitalter, in dem Bilder häufig für Realitäten gehalten werden, gar nicht oft genug bewusst machen kann.

Stefan Dosch, Allgäuer Zeitung (Kultur am Ort), 11. Januar 2003